What a beautiful dump
- Mirko Mona
- vor 4 Tagen
- 9 Min. Lesezeit

Vanuatu - 8. bis 28. Oktober 2025
Keine Sorge, Vanuatu ist alles andere als ein ‚Dump‘ – eine Müllhalde ist das hier ganz bestimmt nicht. Worum es tatsächlich geht, erzähle ich später – es hat mit einem ganz besonderen, historischen Unterwasser-Ort zu tun. Aber eins kann ich schon verraten: Auch abseits davon hat Vanuatu wieder einiges zu bieten. Hinter uns lagen bereits aufregende Wochen – Campen am Fuße eines Vulkans, Schwimmen mit Dugongs, Feste, bei denen wir uns die Bäuche vollschlugen – und trotzdem war das Abenteuer noch lange nicht vorbei!
Nachdem wir die Maskelyne Islands verlassen und uns von den faszinierenden Meeresbewohnern – vor allem den süßen Dugongs – verabschiedet hatten, stand als Nächstes etwas Trockenes auf dem Programm: Wandern! An Land! Am besten auf einen Vulkan! Gut also, dass es auf Vanuatu wahrlich genug von dieser Sorte gibt. Wir wählten natürlich den höchsten Berg mit der weitesten Entfernung am heißesten Tag aus: Mount Benbow auf Ambrym. 1.157 Meter hoch und 13 Kilometer entfernt. Man bedenke: Wir starteten fast auf Höhe des Meeresspiegels (0 Meter) und mussten die Strecke nicht nur hin-, sondern auch zurückwandern – insgesamt also 26 Kilometer Fußmarsch.
Schon zwei Tage zuvor sammelten wir Kraft für die Wanderung und futterten uns durch die Essensstände eines Fußballturniers, das zum Jahrestag von Malampa – der Provinz, zu der Ambrym gehört – veranstaltet wird. Happy Malampa Day!
Auch hier wurde uns wieder klar, wie reis-, kohl-, fleisch-, taro- und cassavalastig dieses Land ist. Das Nationalgericht Laplap – ein labbriger Cassavapudding mit Kokosmilch und einem Stück Fleisch oder Fisch – überzeugte uns dabei am wenigsten, obwohl es anscheinend DAS Vanuatu-Gericht bei Feiern und Festen ist. Vielleicht bedeutet Laplap ja auch einfach „labbrig“ – würde mich nicht wundern.
Die Wanderung zu Mount Benbow startete um 04:30 Uhr bei der Kava-Bar unseres Tourguides Francis – nicht etwa mit einer Schüssel Kava, um wach zu werden, sondern mit einer Runde warten. Warten auf unseren Fahrer mit dem Truck, der uns zum Ausgangspunkt bringen sollte. Francis war sichtlich nervös, als niemand auftauchte – es schien, als hätten sich nicht nur wir am Malampa Day gestärkt, sondern auch unser bestellter Fahrer. Der einzige Unterschied war wohl die Art der Stärkung. Bei ihm wohl in flüssiger Form – genug, um den Körper für die Nacht zu stärken, um in danach direkt auszulaugen.
Immer noch überrascht, wie schnell wir trotz der unmenschlichen Zeit ein Ersatzfahrzeug bekommen hatten, wurde unsere achtköpfige Gruppe irgendwo im Dschungel abgesetzt. „Please come back.“ war das Einzige, was wir – genauer gesagt Doris – unserem Fahrer mit auf den Weg gaben, bevor uns die tropische Wildnis verschluckte. Natürlich ließen sich die Seenomaden dieses Abenteuer nicht entgehen.
Dichter Dschungel, schwarze Sandebenen, bröckeliges Gestein, Böhen, Nebel, Schweiß und Hitze – das beschreibt wohl am besten die kommenden zehn Stunden. Anfangs ging es etwa eine Stunde durch den noch vom Morgentau feuchten Dschungel bis zu einer ebenen Fläche aus feinem schwarzen Sand, die ich fälschlicherweise für eine Straße hielt. Sie entpuppte sich als uralter Ausläufer / Lavastrom des Vulkans Drei Stunden liefen wir über diese Art „Strand“, wobei wir bei jedem Schritt ein bisschen einsanken (Muskelkater ahoi!). Nur wenige Schatten der angrenzenden Bäume schafften es auf unseren Weg, und wir liefen die meiste Zeit in der prallen Sonne.
Wenigstens die weiß-pinken Orchideen, die hier zu Tausenden aus jeder Felsspalte sprossen, hielten der Hitze stand. Wir schwitzten und waren froh, genug Wasser dabei zu haben. Je näher wir dem Vulkan kamen, desto größer wurden die Steine. Der feine Sand verwandelte sich nach und nach in kleine, schwarz-blau-glänzende Lava-Kiesel, die sich mit Widerhaken an unserer Kleidung festkrallten. Wie kleine, ungewollte Begleiter rutschten sie zwischen Socken und Schuhen, pieksten bei jedem Schritt in die Haut und zwangen uns, alle halbe Stunde die Schuhe auszuleeren. Trotzdem waren Wanderschuhe tausendmal besser als Flipflops. Sogar Mirko wechselte nach wenigen Minuten seine Plastikschaufeln gegen Trekkingschuhe! Wer öfter unsere Blogeinträge liest, weiß, was es alles braucht, bis er tatsächlich mal seine Lieblingslatschen auszieht.
Als die Steine schließlich ihre Endgröße erreicht zu haben schienen und wir uns an imposanten, schimmernden Felswänden entlangschlängelten, begann der steile Aufstieg. Gefühlt hatten wir bis dahin nur wenige der tausend Höhenmeter erklommen – jetzt holten wir sie nach. Die nächste Stunde konzentrierten wir uns mehr auf den Boden als auf die Umgebung, um nicht auf loses Geröll zu treten. Umso überwältigender war der Moment, als wir endlich den Rand einer Felsspalte erreichten und einen Blick auf die gesamte Umgebung und dieses vulkangeschaffene Wunderland werfen konnten.
Der Vulkan Benbow, ein aktiver Schildvulkan, erstreckte sich vor uns, während tiefe, von erkalteter Lava durchzogene Canyons unter unseren Füßen lagen. Die Vegetation hat mittlerweile die Oberhand übernommen und überwuchert nicht nur die Ränder der Canyons, sondern auch alles am Fuße des Vulkans, das nicht von sprödem Vulkangestein begraben wurde. Die vom Vulkan geformten Lava-Landschaften sind einfach unglaublich beeindruckend und faszinieren mich immer wieder aufs Neue durch ihre Vielfalt an bunter Flora – entstanden über mehrere tausend Jahre.
Bevor wir das letzte und anstrengendste Stück der Wanderung angingen, mussten wir noch einige Höhenmeter hinunterklettern, um zum Fuß des Vulkans zu gelangen. Obwohl die Erschöpfung schon überhandgenommen hatte und uns bewusst war, dass wir den ganzen Weg wieder zurückwandern mussten, machten wir uns schließlich an den Aufstieg bis zum Kraterrand. Schon nach den ersten zwei Schritten wurde klar, dass Francis’ „Only 10 minutes to the top!“ stark untertrieben war.
Der Vulkan war ein reiner Schotterhügel, bestehend aus spitzen, kleinen Vulkansteinchen, die wir schon zu Hauf in unseren Schuhen gesammelt hatten. Würde man ein Loch graben, würde man wohl nie auf harten Untergrund treffen. Bei jedem Schritt sanken wir mindestens zwanzig Zentimeter ein, rutschten einen halben Meter ab, lösten kleine Kiesellavinen aus und füllten unsere Schuhe mit weiteren tausend Steinchen. Selbst größere, fest aussehende Steine bestanden nur aus zusammengebackenen Erdbrocken, die unter unseren Füßen auseinanderbröckelten.
Francis’ 10 Minuten wurden schließlich zu einer Stunde – aber niemand gab auf, wir waren dem Ziel einfach zu nah. Eigentlich hätten wir schon vorher erahnen können, dass Francis nicht ganz zuverlässig mit Zahlen war, nachdem er erzählt hatte, dass er fünf Jahre als Tourguide in Neukaledonien gearbeitet und 26 Jahre auf Ambrym als Guide tätig war – obwohl er angeblich erst 35 Jahre alt war. Irgendwie geht diese Rechnung nicht ganz auf.
Völlig erschöpft erreichten wir nach insgesamt 5 Stunden und 42 Minuten den Kraterrand von Mount Benbow – im nebeligen Nieselregen ohne Aussicht. Wir konnten nicht einmal einen Blick in den Krater werfen, so dicht war der Nebel und so kalt die Böen, die auf fast 1.200 Metern unsere schweißgetränkten Haare ins Gesicht peitschten. Na ja, wenigstens warteten als Belohnung selbstgemachter Nudelsalat und Kokoskekse aus der Packung auf uns. Früher standen wir hier über einem der berühmten Lava-Seen von Ambrym, die jahrzehntelang in den Kratern von Benbow und Marum, seinem Nachbarvulkan, glühten, und Touristen aus aller Welt anzog. Nach einer heftigen Eruption im Dezember 2018 wurden die Lava-Seen jedoch zugeschüttet, und der leuchtende Feuer-Effekt ist heute nicht mehr sichtbar, auch wenn der Vulkan weiterhin aktiv bleibt.
Der Rückweg verlief über denselben Weg wie der Hinaufstieg. Im Gegensatz zum mühsamen Aufstieg ging das Herunterschlittern über den Vulkan geradezu beängstigend schnell, während sich der restliche, unspektakuläre Weg umso länger zog. Erst als wir wieder auf der offenen Ladefläche des Trucks Platz genommen hatten – er war tatsächlich zurückgekommen! – erfuhren wir von Francis, dass er unterwegs sein Smartphone verloren hatte. Kurz darauf gestand einer unserer Mitstreiter, einer der Schiedsrichter des Fußballturniers, dass er außer einem halben Liter Wasser nichts zu trinken dabei hatte und komplett dehydriert war. Als wir an einem Regenwassertank vorbeikamen, schien er am liebsten den ganzen Tank in einem Zug austrinken zu wollen. Es wäre definitiv besser für ihn gelaufen, wenn er uns einfach schon unterwegs nach Wasser gefragt hätte.
Nach diesem aufregenden Besuch auf Ambrym ging es für uns auf Pentecost weiter – geradezu erholsam nach dem Vulkanabenteuer. Die Insel ist weltweit bekannt für die Urform des Bungeejumpings, das sogenannte „Land Diving“. Obwohl Nebensaison war und sich nur vereinzelt Autos über die lange, von chinesischen Bauarbeitern durch das Grün der Insel geschlagene Betonstraße bewegten (wahrscheinlich ist hier ohnehin nie viel los und man könnte problemlos sein Zelt aufschlagen), wurden wir von einer freundlichen Dame herumgeführt. Sie lud uns ein, einen der beeindruckenden Türme zu besichtigen, die das ganze Jahr über zur Veranschaulichung für Touristen und Cruiser stehen, die – wie wir – zur falschen Jahreszeit kommen.
Das traditionelle Land Diving findet normalerweise im April und Mai statt, wenn die Lianen noch elastisch und nicht spröde sind. Heute springen junge Männer von hölzernen Türmen, die bis zu 30 Meter hoch sein können. An jedem Fuß werden Lianen befestigt, deren Länge individuell angepasst wird. Beim Sprung bricht die Plattform gezielt weg, der Springer fällt nach vorne und wird kurz vor dem Boden durch die Lianen wieder nach oben gezogen. Ursprünglich hatte das Ritual eine tiefe spirituelle Bedeutung: Es markierte den Übergang ins Erwachsenenalter und sollte eine gute Yamsernte sowie die Gesundheit des Dorfes sichern. Der Ursprung liegt in einer Legende: Eine Frau namens Tamala floh vor ihrem eifersüchtigen Mann, band sich Lianen um die Knöchel und sprang von einem Baum. Ihr Mann sprang ihr hinterher – ohne Lianen – und starb. Aus dieser Geschichte entwickelte sich zunächst eine Mutprobe, die später von den Männern übernommen wurde und sich zu einem wichtigen Initiationsritual wandelte. Heute wird das Land Diving nur noch in wenigen traditionellen Dörfern rituell durchgeführt. In den meisten Fällen findet es vor allem für Touristen statt – als eindrucksvolles, aber auch etwas verstörendes Zeugnis einer jahrhundertealten Tradition, die als Grundlage des modernen Bungee-Jumpings gilt.
Auf Pentecost gönnten wir uns neben spannender Kultur auch ein sagenhaftes kulinarisches Erlebnis: ein typisches ni-Vanuatu 12-Gänge-Menü! Unsere Gastgeber, ein nettes Paar, hatten vor einigen Jahren ihren Yachtclub in der Loltong Bay durch einen Hurrikan verloren. Seitdem beschäftigten sie sich damit, das Dach nachwachsen zu lassen – um es später „ernten“ zu können (ja, richtig gehört) und den Wiederaufbau des Clubs zu starten – und nebenbei Cruiser wie uns zu verköstigen.
Auf dem Menü standen mehrere Laplap-Varianten aus Cassava (Maniok) und Kochbananen, manchmal eingewickelt in Island Cabbage (mehr eine Art Spinat als Kohl), dazu geräucherte Papaya, Süßkartoffeln und Yams in sämtlichen Varianten, Brunnenkresse, Kürbisblätter und Gerichte mit zerkleinerter oder geriebener Nangai, der typischen Nuss aus Vanuatu. Außer dem Nachtisch, einem Fruchtsalat aus lokalem Obst und Nangai, wurde natürlich alles mit Lolo (Kokosmilch) serviert. Im Nachhinein war wohl ein kleines Wunder, dass wir es zurück zur Yum Yum schafften, ohne das Dinghy durch unser zusätzliches Gewicht zu versenken.
In Espiritu Santo, der größten Insel Vanuatus, standen schließlich ein paar Abschiede an. Zuvor wollten wir aber noch dieses legendäre Blue Hole besuchen, von dem alle schwärmten – ein Badeloch mitten in den Mangroven, umgeben von hohen Bäumen. Hätten uns die Mücken nicht schon nach einer Stunde aus dem türkisblauen, natürlichen Süßwasserbad gejagt, wären wir wohl länger in dieser Idylle geblieben – ein verzauberter Ort mitten in der Wildnis.
Außerdem war da noch dieser mysteriöse militärische Müllhaufen, den man anscheinend gesehen haben musste. Sein offizieller Name lautet „One Million Dollar Point“ bzw. „WWII Dumpground“ des U.S. Military und sieht zunächst aus wie ein chaotischer Haufen aus alten Autos, Jeeps, Baggern, Kanonen und allerlei Metallkram, der heute von Korallen überwuchert wird. Aber hier steckt echte Geschichte dahinter: Am Ende des Zweiten Weltkriegs standen die Amerikaner vor einem logistischen Problem. Die Truppen mussten heim, die Ausrüstung war riesig – Jeeps, Lastwagen, Bagger – und der Rücktransport nach Amerika viel zu teuer. Sie versuchten, das Material zu einem Spottpreis zu verkaufen, doch die Kolonialbehörden lehnten ab. Also wurde kurzerhand entschieden: alles ins Meer damit. So entstand das spektakuläre Unterwasser-Wrackfeld, das heute als künstliches Riff ein Paradies sowohl für Fische als auch für Taucher und Schnorchler ist. Bereits das Ufer war übersät mit vom Wasser abgestumpften Scherben und kaputten Glasflaschen. Der Inhaber des dortigen Tauchclubs traf mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf: „What a beautiful dump“.
Tatsächlich wurden wir hier das erste Mal übers Ohr gehauen. Ein Mann namens Simon verlangte Wegzoll für die Überquerung seines Grund und Bodens. Wir glaubten ihm zunächst, schließlich hing ein Schild mit den Preisen und wir hatten vorher gehört, dass es eine Kleinigkeit kostet. Später erfuhren wir vom echten Simon, dass der Betrüger die Gunst der sonntäglichen Kirchenstunde ausgenutzt hatte, um sich als Landbesitzer auszugeben und das Geld ahnungsloser Touristen einzustecken. Natürlich war er längst über alle Berge – vermutlich sogar mit dem Taxifahrer, der uns zuvor dorthin gebracht hatte.
In Luganville, der größten Stadt auf Espiritu Santo, mussten wir uns schließlich von unserem Crewmitglied Miri verabschieden. Die vier Wochen voller Lachen, Abenteuer und gemeinsamer Erfahrungen vergingen wie im Flug.
Gleichzeitig trennten sich auch unsere Wege von Doris und Wolf. Seit Fidschi waren wir gemeinsam mit unserem Buddyboat unterwegs gewesen, hatten so viel erlebt, gelacht und uns aneinander gewöhnt, dass der Abschied uns allen wirklich schwerfiel. Die Nomad segelt nun nach Westen Richtung Australien, während wir weiter nach Norden nach Mikronesien aufbrechen.Nicht nur die gemeinsamen BBQs, Abendessen, Papayakuchen- und Kaffeerunden – immer gewürzt mit ihren Seglergeschichten aus der ganzen Welt und einem kleinen Damen-Rum – werden uns fehlen. Auch ihre Witze, die Energie und Begeisterung, ihre Fürsorge und Hilfsbereitschaft hinterlassen eine große Lücke, die wir so schnell nicht füllen können.
Obwohl wir aus derselben Ecke der Welt stammen, wird es wohl eine Weile dauern, bis sich unsere Wege wieder kreuzen. Bis dahin werden Mirko und ich unser Bestes geben, all das weiterzutragen, was wir an den Seenomaden so geschätzt haben – und das, was wir aus dem „heiligen Geo 2000“ gelernt haben 😉. Kokosbusserl ins schöne Österreich!

















































































Danke 🫶🏻