Im Reich der Giganten
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Vanuatu - 28. Oktober bis 16. November 2025
Viele Segler, die – anders als wir – den Südpazifik nicht endgültig hinter sich lassen wollen, kommen gar nicht bis hoch in den unbekannten Norden Vanuatus. Für die meisten endet die Reise bereits auf Espiritu Santo. Wir waren daher nur zwei von wenigen Cruisern, die die Besonderheiten dieser abgelegenen Regionen wirklich zu schätzen lernten. Hier begegnet man den Giganten Vanuatus: rauchenden Vulkanen, uralten Landschaften, dem endlosen Ozean – und an Land jenen stillen Bewohnern, die man in dieser Größe kaum erwartet.
Kava, Wassermusik und Tradition
Gaua, Banks Islands
Die Banks Islands von Vanuatu bestehen – neben ein paar kleineren – aus drei Hauptinseln: Gaua, Vanua Lava und Ureparapara.Jede einzelne der Inseln der Banks-Gruppe, die wir besuchten, unterschied sich sowohl landschaftlich als auch kulturell deutlich von den anderen. Gaua, unser erster Stopp, ist vor allem bekannt für seine traditionellen Dörfer und die wilde, unberührte Natur. Für uns wurde die Insel zu einem der kulturellen Höhepunkte unserer Zeit in Vanuatu.
Gleich am ersten Ankerplatz, Bushman’s Bay, landeten wir unerwartet mitten in einer Kava-Zeremonie, sobald wir mit dem Dinghy am Strand ankamen. Als Chief Willi uns willkommen hieß, lud er uns direkt ein, gleich daran teilzunehmen. Ich zögerte kurz – meist dürfen nur Männer mitmachen – doch er lächelte: „Hier trinken alle, und Frauen genießen den Kava sogar oft noch lieber.“ Also stellten Mirko und ich uns mit vier weiteren Personen in eine Reihe. Gegenüber hielt jeweils jemand eine Schüssel mit der grün-milchigen Flüssigkeit. Erst gossen wir einen kleinen Schluck für die Ancestors auf die Erde, danach tranken wir den Rest des Kavas in einem Zug. Mirko verzog wie immer das Gesicht, während ich den würzigen Geschmack, der in Vanuatu so besonders ist, genoss.
Auf Gaua erlebten wir zudem die besondere Tradition der Wassermusik. Mit Blumenkränzen geschmückte Frauen standen hüfthoch im Wasser und erzeugten durch rhythmisches Klopfen, Schöpfen und Schlagen mit den Händen auf das Wasser eine ganz eigene Melodie. Vom Strand aus sahen wir gebannt zu und lauschten den einzigartigen Klängen. Später erklärte man uns, dass diese Kunst seit Generationen von Mutter zu Tochter weitergegeben wird.
Anschließend überraschten uns dann die Männer mit traditioneller Musik: Sie gruben ein Loch in die Erde, deckten es mit einer Holzplatte ab und stellten sich im Kreis auf – einer mit Trommel, die anderen mit Bambusstäben. Als der Chief zu singen begann, setzten Trommel und Bambusstäbe rhythmisch ein und füllten den Platz mit einer kraftvollen, erdigen Melodie. Schließlich wurden auch wir aufgefordert, mitzutanzen. Es war ein Nachmittag voller Freude – für uns wie für die Dorfbewohner.
Wanderung zum Mount Garet
Gaua, Banks Islands
Nicht nur kulturell, sondern auch landschaftlich hat Gaua unglaublich viel zu bieten. Von der Matanda Bay aus machten wir mit Michel, dem jungen Chief des kleinen Dorfes, eine Tageswanderung ins Herz der Insel. Blickt man von oben auf Gaua (statt gleich in den Weltraum zu fliegen, reicht Google Earth völlig aus), erkennt man sofort Mount Garet, den aktiven Vulkan im Zentrum der Insel, der die Landschaft mit seiner mächtigen Caldera prägt.
Die Wanderung war eine meiner liebsten hier im Inselstaat – obwohl nicht unbedingt wegen des Weges. Das Gestrüpp war scharfkantig und hinterließ viele kleine Kratzer an meinen Beinen, was zwei Wochen Wasserverbot nach sich zog. (Kratzer + Salzwasser = ☠️ … lange Hosen statt Shorts wären hier eindeutig besser gewesen.) Das Besondere war unsere kleine Wandergruppe – und natürlich der Vulkan selbst. Michel zeigte uns, welche Ressourcen und Traditionen das Leben auf Gaua prägen – von Gartenpflege über Kavaanbau bis hin zu Holzarten für Häuser, Kanus und Seile. Zwischendurch versorgte uns sein Onkel Roy, ein elfjähriger Junge (ja, richtig gelesen), regelmäßig mit frischen Trinkkokosnüssen. Während wir uns stärkten, versuchte Michel, mit seiner Steinschleuder Vögel zu erlegen – erfolglos. Es rieselten immer nur ein paar Blätter auf uns herab.
Das Allerschönste an dieser Wanderung war jedoch die Ungewissheit. Es gab keine Beschreibungen im Internet und keine Erfahrungsberichte anderer Reisender – wir wussten nicht, was uns erwartete, und genau das machte alles umso spannender. Nach etwa drei Stunden Fußmarsch traten wir ahnungslos auf eine weite, offene Wiese – und plötzlich offenbarte sich die ganze Pracht der Landschaft unter uns. Mount Garet, ein Vulkan wie aus dem Bilderbuch, thronte rauchend im Zentrum seiner über Jahrhunderte geformten Caldera. Zu seinen Füßen lag der Lake Letas, der größte Süßwassersee Vanuatus. Seine tiefblaue, leicht bewegte Oberfläche wirkte unwirklich, und der Anblick hatte etwas Märchenhaftes. Zu dem Zeitpunkt hätte ich schwören können, vor einem riesigen Gemälde zu stehen.
(Keine) Krokodile in Sola
Vanua Lava, Banks Islands
Von Gaua aus war es ein Segeltag nach Sola auf Vanua Lava, dem Hauptort der Banks-Inselgruppe. Hier befanden wir uns im einzigen Teil Vanuatus, in dem es Krokodile gibt – und nicht irgendwelche, sondern Leistenkrokodile, die als die gefährlichste Krokodilart der Welt gelten. Doch nicht nur die riesigen Reptilien sorgten dafür, dass wir uns in Sola nicht lange aufhielten. Abseits der notwendigen Formalitäten gab es weder besonders Spannendes zu tun, noch etwas wirklich Gutes zu essen oder vernünftig einzukaufen. Nur dem Glück hatten wir es zu verdanken, dass wir nicht ausschließlich mit Mais, Dosentomaten und einer Brotfrucht zu unserem nächsten Ziel aufbrechen mussten, ein unbewohntes Atoll. Ein Einheimischer war so scharf auf ein paar Kilo unseres frisch gefangenen Speerfischs, dass er uns kurzerhand eine ganze Schubkarre voller Gemüse und Obst aus verschiedenen Privatgärten organisierte. Danach hieß es „Anker hoch!“ – und wir verließen die rolly Ankerbucht von Sola, um in das Rowa Atoll zu segeln, nur ein paar Seemeilen weiter nördlich.
Zwischen Arbeit und Abenteuer
Rowa Atoll, Banks Islands
Rowa war unser erstes richtiges Atoll in Vanuatu – glasklares Wasser, tägliches Schnorcheln, abendliche Lagerfeuer am Strand und Inselerkundungen. Das unbewohnte Atoll besteht aus mehreren flachen Motus, die eine weitläufige, geschützte Lagune umgeben. Die Landfläche aller Inseln beträgt nur 0,1 km² – sehr viel Wasser, wenig Land.
Auch wenn wir dort rund um die Uhr beschäftigt waren – Reparaturen, Schrauben, Flicken, Waschen und Putzen –, hatten wir einen wunderschönen Aufenthalt in Rowa. Zuerst kümmerte sich Mirko um das verstopfte und das undichte Backbordklo, danach um die Klopumpe. Gleichzeitig fertigten wir Moskitonetze für die Luken, reparierten einen defekten Ventilator, die kaputte Nähmaschine (die allerdings immer noch rumnörgelt), ersetzten diverse Dichtungen und montierten ein zusätzliches Sonnendach. Außerdem optimierten wir die Leinen für das Code-Zero-Segel und erledigten wie üblich Wäsche und Hausarbeit – so viel zum Thema „Leben wie im Dauerurlaub“, ha.
Die ersten Unterwasserabenteuer musste Mirko noch ohne mich erleben – ich hatte ja immer noch Wasserverbot. Ich selbst musste mich deshalb täglich schweißtreibend in Gummistiefel zwängen, um nicht nass zu werden – nicht einmal die kleinen Löcher in den bereits spröden Stiefeln halften wirklich gegen die Hitze, die sich um meine Füße staute. Nichtsdestotrotz genossen wir jede Minute unseres Aufenthalts auf Rowa.
Ankern im erloschenen Vulkan
Ureparapara, Banks Islands
Keine 11 Seemeilen vom Atoll entfernt, ankerten wir danach an einem ganz besonderen Ort. Hier liegt eine Insel, die stark von ihrer vulkanischen Vergangenheit geprägt ist: Ureparapara. Die Besonderheit der Insel liegt in ihrem Krater. Wo einst Magma brodelte und Lava floss, klatschen heute die Wellen des Ozeans gegen die Küste. Vor vielen Jahrtausenden kollabierte ein Teil des Kraterrandes, wodurch sich eine große, flache Lagune bildete, die durch eine Öffnung im Osten mit dem Meer verbunden ist. In einem solchen erloschenen Vulkan zu ankern, war auch für uns etwas völlig Neues.
So friedlich es in Rowa war, umso wuseliger ging es auf Ureparapara zu. Nur rund 300 Menschen leben hier, verteilt auf drei Dörfer. Dennoch wirkte es, als herrsche geradezu geschäftiges Treiben. Rona, eine 31-jährige Mutter von vier Kindern, führte uns durchs Dorf: vorbei an traditionellen Holzhäusern, die mit Bananen- und Pandanussblättern gedeckt waren, entlang bunter Blumenhecken und über kleine, liebevoll gebaute Holzbrücken. Die Bewohner begrüßten uns freundlich und hießen uns willkommen - manche blieben in ihrer Hängematte liegen, andere pflegten ihre Gärten, stellten Kokosöl über dem offenen Feuer her oder bauten ein neues Haus. Würden nicht ab und zu Solarpanele auf den Dächern glänzen und diese eine Starlink-Schüssel über den Häusern thronen – die wohl den ein oder anderen Dorfbewohner dazu verleitet, über das Gratis-WiFi ständig irgendwelche unsinnigen Reels auf dem Smartphone anzusehen –, hätte ich geglaubt, mich in einem Freiluft-Museum zu befinden, in dem man beobachten kann, wie das Leben vor tausenden von Jahren ausgesehen haben könnte.
Die Giganten der Abgeschiedenheit
Tegua, Torres Islands
Im Gegensatz zu den Banks wirkten die Torres Islands fast menschenleer. Die Inselgruppe ist der nördlichste und zugleich abgelegenste Teil Vanuatus. Auf rund 118 km² leben weniger als 1.000 Menschen – etwa sieben pro Quadratkilometer. Wir sahen keinen einzigen von ihnen, dafür umso mehr Tiere.
Beim Schnorcheln in der Bucht Ngwel bei der Insel Tegua begegneten wir zwischen bunten Rifffischen und grimmig wirkenden Groupern einer wunderschön schimmernden Sepia – eine echte Rarität – sowie einer Familie von Eagle Rays. Mehrere Adlerrochen, alle mit leicht unterschiedlichen Mustern, glitten gemächlich durch die Ankerbucht unter der Yum Yum hindurch, bis der kleinste von ihnen – der Babyrochen (aaaaaaw) – plötzlich etwas Spannendes entdeckte und sich neugierig von der Gruppe entfernte. Man konnte richtig beobachten, wie sich der Mutterrochen wenig später in Bewegung setzte, um den Kleinen wieder einzusammeln.
Auch an Land wartete eine tierische Überraschung auf uns: Kokosnusskrabben. Wir hatten zwar gehört, dass es hier viele von ihnen geben soll, waren dann aber doch erstaunt, wie viele wir tatsächlich im Dickicht, auf dem feuchten Boden und zwischen modrigen Kokosnüssen entdeckten. Diese gigantischen Krabben sind die größten landlebenden Gliederfüßer der Welt und waren für mich bisher nur ein Mythos. Kokosnusskrabben erreichen eine unglaubliche Beinspannweite von bis zu einem Meter, können sogar auf Palmen klettern, um Kokosnüsse zu ernten und zu knacken. Außerdem können bis zu 60 Jahre alt werden.
Die erste war noch ein Baby. Um ihren weichen Körper zu schützen, steckte sie – wie ein Einsiedlerkrebs – noch in einer Muschel und versteckte sich in einem Baumloch. Die nächste war schon deutlich größer, ohne schützendes Gehäuse, ihr blau schimmernder Panzer hob sich deutlich vom Boden ab. Was für wunderschöne Tiere! Bald entdeckten wir viele weitere dieser meist nachtaktiven Krabben, einige gerade beim Mittagessen – sie beachteten uns kaum.
Der krönende Abschluss
Hiu, Torres Islands
Der krönende Abschluss unserer Vanuatu-Reise erwartete uns jedoch auf dem Wasser: eine Delfinschule aus mindestens 50 Tieren, die wir genau in dem Moment entdeckten, als wir in von unserem Ankerplatz in der Yeu Metenia Bay zur Insel Hiu fahren wollten. Aufgeregt schwammen sie neben unserem Dinghy her, sprangen vor uns aus dem Wasser und pfiffen sich gegenseitig irgendetwas auf Delfinisch zu. Es war überwältigend.
Doch das Allerbeste kam aber noch: Wir schwammen mit ihnen! Natürlich ließen wir uns diese Chance nicht entgehen und sprangen mit Schnorchel, Maske und Flossen ins kristallklare Wasser. Die Tiere so nah und frei in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben, war ein einmaliges Gefühl. Endlich konnte ich endlich einen Punkt auf meiner Bucket List abhaken, der schon lange drauf steht: Mit Delfinen schwimmen.






































































































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